Fondsvermittler Gewinnt Tango
Wettbewerb
Wer hätte das gedacht? Der klein gewachsene, untersetzte Fondsvermittler mit dicker Hornbrille,
Wilbert Nickelberg, gewann den Tango Wettbewerb. Der Fondsvermittler der Firma KGAL war nicht nur Börsenexperte. Er war
auch ein Tangoexperte. Aber davon ging zu Beginn natürlich niemand aus. Als er mit seiner Frau antrat,
dachten die meisten Mitbewerber, dass nur grenzenlose Selbstüberschätzung dieses offensichtlich unbegabte
Individuum auf die Tanzfläche gebracht hatte. Oder dass seine Frau ihn gezwungen hatte.
Die meisten anderen Tänzer waren ausgesprochene Hardbodies. Wilbert entgingen ihre abschätzigen bis leicht
amüsierten Blicke keineswegs. Sollten sie nur tuscheln! Wilbert würde ihnen zeigen, dass es weit mehr zum
versierten Tango braucht, als ein halbes Kilo Pomade im Haar und eine goldene Nadel im Tanzkurs. Wilbert konnte
schon besser Tango als diese Lackaffen tanzen, als die noch zu jung für die Mini Playback Show gewesen waren.
Schon beim ersten Wertungstanz stach er die Konkurrenz dieser Milchbubis spielend
aus. Er legt mit seiner Frau einen Tango im Milonguero Stil aufs Parkett, wie man ihn in der Mehrzweck Halle von
Groß Kötz bis dahin noch nicht gesehen hatte. Selbst einige der anwesenden Omis klatschten Applaus und nickten
anerkennend. Nicht ohne triumphale Blicke um sich zu werfen, verließ Wilbert mit seiner Frau das Parkett. Natürlich
kamen sie direkt weiter in die nächste Runde.
In Runde zwei konzentrierte sich Wilbert auch ein wenig auf die Konkurrenz. Das tat seinem Tanz aber keinen
Abbruch. Wie mit seiner Frau vereinbart, tanzten sie einen formvollendeten Salontango. Bewusst wurde nun auf die
Enge Umarmung des Milonguero Stils verzichtet und die Beiden legten stattdessen einen recht lose umschlungen
Salontango hin, der weiche Bewegungen und elegante Figuren ermöglichte. Auch in dieser zweiten und vorletzten Runde
trug Wilbert mit seiner Frau einen klaren Wertungssieg davon. Einige der Omas pfiffen und jubelten. Wie Wilbert
während seiner Inspektion der Konkurrenz festgestellt hatte, waren zwar einige talentierte Tänzer dabei. Doch die
tanzten alle viel zu dogmatisch. Da war nichts, was über besseren Tanzschulen Standard hinausging und irgendwie
ernsthaft inspiriert wirkte. Gerade beim Tango war Inspiration aber unerlässlich. Die verbliebenen jungen Schnösel
lächelten nun nicht mehr wegen Wilbert Nickelberg. Sie zitterten vor Ehrfurcht. Und es kam, was kommen musste – die
Finalrunde.
Wenn Wilbert seine Konkurrenten in den vorangegangenen Runden vorgeführt haben sollte, dann demontierte er sie
jetzt vollständig. Wilbert Nickelberg und seine Frau präsentierten einen Tango Nuevo, der auch im tiefsten
Argentinien noch für ekstatische Verzückung gesorgt hätte. Bereits Mitte der Finalrunde war einer der Punktrichter,
der Spanier Escobar de Santos (seines Zeichens Restaurantbesitzer in Groß Kötz), zutiefst bewegt und zu Tränen der
Freude gerührt. Es gab stehende Ovationen aus der Riege der alten Damen, die schon bald wie ein Lauffeuer die ganze
Halle im Sturm nahmen. Die anderen Tanzpaare verließen das Parkett sofort nach Ende der Finalrunde. Das Volk hatte
bereits entschieden. Und die Jury war vor allem damit beschäftigt, ihren spanischen Experten wieder zu beruhigen.
Etwas musste ihn zutiefst berührt und nicht mehr losgelassen haben. Manisch klatschte und heulte er.
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